Ein Gespräch mit Barbara Wally

Die Sommerakademie als Unterrichtsmodell zusätzlich bzw. im Gegensatz zu den Kunstakademien entstand in Amerika, als in den Jahren vor und während des zweiten Weltkrieges viele wichtige Künstler des deutschsprachigen Raumes, wie zum Beispiel Max Beckmann oder Hans Hoffmann emigrieren mussten, aber dort keine Professuren an den Akademien bekommen konnten. Darunter waren auch viele Künstler aus dem Bauhaus. Nur wenigen gelang es im Black Mountain College unterzukommen, welches sich der interdisziplinären Ausbildung der verschiedenen Künste verschrieben hat. Dort waren Künstler wie John Cage, Merce Cunningham, Walter Gropius, Willem de Kooning und Cy Twombly.

In diesem Umfeld entstand das Modell der Sommerakademien, in dem über kurze Perioden vorwiegend im Sommer Professoren auch ohne fixe Professur unterrichten konnten. Auch Kokoschka, der die Zeit des Krieges zum Großteil in England verbrachte, war in Amerika und schlug dieses Modell bei seinem Versuch nach der Nazi-Zeit nach Österreich wieder zurück zu kommen, dem Salzburger Galleristen Welz vor. So entstand die Sommerakademie Salzburg.

Mit dem Modell der Sommerakademie kam auch das Konzept der Interdisziplinarität.

Die emigrierten europäischen Künstler brachten ihre Kunstsprachen, den Expressionismus, den Kubismus und auch die abstrakte Farbenlehre nach Amerika, in einer Zeit als in Amerika der abstrakte Expressionismus zur tragenden Ausdrucksform wurde, und brachten viele von diesen Künstlern brachten bei ihrer Rückkehr nach Europa nach dem Krieg die verschiedensten Ideen der Abstraktion, der Performance-Kunst, auch des Aktionismus aus Amerika nach Europa. So gesehen waren die Sommerakademien wichtige Transmissionsriemen dieses Austausches und der künstlerischen Innovation.

Kokoschka verfolgte für die Sommerakademie ein Konzept das sich bewusst in Gegenposition zu den etablierten Kunstakademien stellte: es gab keine Zeugnisse, keine Prüfungen, es gab keine Trennung von Fortgeschrittenen und Anfängern in der Kunst, die Akademie verstand sich auch nicht als Künstlerschmiede, sondern vielmehr im Sinne Komenius als Ort der umfassenden Bildung und Schulung der Sinne. Es wurde ein Humanismusbegriff ins Zentrum gestellt, der die Bildung durch den Umgang mit der Kunst und das künstlerische Schaffen zum Ziel hatte.

Heute setzt sich diese Transmissionsfunktion die die damaligen Sommerakademien in Amerika und Europa hatten, die verschiedenen Kunstrichtungen und Konzepte zwischen Europa und Amerika auszutauschen in anderer Form weiter fort. Durch die globale Besetzung des Lehrkörpers mit Dozenten aus aller Welt und auch durch die Teilnahme der Studenten aus allen Teilen der Welt ist im Model der Sommerakademie ein Potential gegeben, welches eine herkömmliche Kunstakademie nicht hat. Dort kommen die Studenten zumeist aus der alten Stadt oder dem Land in dem diese gelegen ist, nicht aber in solcher internationalen Mischung wie im Modell der Sommerakademie. Für die lehrenden Professoren ist dies ein besonderer Anreiz, da ihre Kunst und ihr Wissen nicht lokal bleiben, sondern über den Globus „verteilt“ wird.

Kokoschka lehrte von 1953-1963 in Salzburg. 1981-2009 war Barbara Wally die Leiterin. Ihr Engagement galt der Einbindung der Frauen in die Lehrerschaft, die Einbindung der Osteuropäischen Länder und schließlich die Entwicklung eines neuen Kunstbegriffs in dem die Kunst Asiens, Chinas, Afrikas und Südamerikas gleichberechtigte Rollen neben der europäischen und amerikanischen Kunst haben sollten.

Diese historische Betrachtung der Entwicklung der Sommerakademien ist für die Sommerakademie Venedig von großem Interesse, weil hier Ansatzpunkte von Entwicklungen ablesbar sind, die da wie dort bedeutsam sind: Die Interdisziplinarität in den Cross Media Projekten ebenso, wie die globale Sicht der Künste aller Kontinente.

Aus dieser Perspektive gesehen, spielen die Networking Tours der Sommerakademie Venedig eine besondere Rolle, weil in diesen ein Schwerpunkt für die Kontakte-Netzwerke und Auseinandersetzung der jeweiligen Kunst bis hin zur Einladung von Dozenten aus diesen Kontinenten erreicht wird.

Dieses Gespräch ist auch im Zusammenhang zu sehen mit dem Besuch Robert Wilson‘s im Watermill Center, in dem ein anderer Typ von Akademie beleuchtet wurde.

Das Gespräch mit Barbara Wally führte Wolf Werdigier in Salzburg am 18. November 2012.

 
 
 
 
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